Impuls panische Stille
Kreuzzeichen:
Wir beginnen diesen Moment mit einem Zeichen, das wie kein anderes zum heutigen Tag gehört. Mit dem Zeichen des Kreuzes. Ein Zeichen, das für Schmerzen und Schande steht, aber auch erinnert an Gott, der uns wie Vater und Mutter ist, an Jesus, den Sohn, der geboren wurde und heute gestorben ist und an das Wirken der Heiligen Geistkraft.
Erzählung:
Der Rücken ist aufgerissen von den römischen Geiseln und Peitschen. Die Haut in Fetzen, an manchen Stellen kann man schon die Organe sehen. Und auf diesen Rücken legen sie das schwere und nur grob behauene Stück Holz. Zentimeter lange Dornen stechen in die Stirn und den Kopf. Während dem Laufen rutschen die zu einer Krone gebundenen Zweige hin und her, stechen und piksen immer wieder zu. Die Hände und Füße sind mit Nägeln durchbohrt. Der Köper hängt etwas über dem Boden. Sein eigenes Gewicht zieht ihn nach unten, das Atmen fällt schwer und wird zu einem Röcheln. Blutstropfen laufen an Bauch und Beinen herab. An ihnen und an den offenen Wunden sammeln sich Fliegen und Insekten, die er nicht verscheuchen kann. Die Muskeln verkrampfen sich. Der Körper nimmt abnormale Haltungen ein. Es sieht kaum noch aus wie ein Mensch.
Und dann dieser Satz, der einfach nicht passen will: „Er tat seinen Mund nicht auf und blieb stumm.“ Stille. Als hätte er keine Schmerzen. Als hätte er nicht geschrien. Als hätte die Folter keine Wirkung gehabt. Wie kann das sein?
Hör mal in die Stille hinein. Was hörst du?
[Hier kann eine Stille gehalten werden]
Liedvorschlag:
Gotteslob: O Haupt voll Blut und Wunden, GL 289 Str. 1,2
oder Kreuzungen: Eines Tages kam einer, K-Nr. 107 Str. 1,2,4,5
Überlegung:
„Er tat seinen Mund nicht auf und blieb stumm.“ Für mich ein Satz, der unglaubwürdig und unrealistisch klingt. Auf mich wirkt das so, als müsste man zeigen, dass Jesus selbst unter der Folter und kurz vor dem Tod die Macht und die Oberhand über das Geschehen hat. Zu meinem Bild von Jesus passt das nicht. Mir ist da Jesus zu wenig Mensch – wie du und ich. Wenn Jesus mein Bruder und mein Freund sein soll, dann muss er auch so fühlen wie ich. [Etwas religiöser formuliert: Wenn der Tod von Jesus etwas mit mir zu tun haben soll, dann gehören leider Schmerzen, Entsetzen und Schreie mit dazu.] Stille passt da nicht.
Gebet:
Gottheit, du Unbegreifbare,
ich frage dich: „Wie nahe bist du mir?“ Kann ich dich sehen? Kann ich dich hören? Gibt es dich?
Ich frage dich: „Sind wir uns ähnlich?“ Wollen wir das Gleiche? Haben wir die gleichen Ziele? Arbeiten wir zusammen?
Ich frage dich: „Glaubst du an mich?“ Vertraust du mir? Kann ich dir vertrauen? Halte ich es aus, dich so zu sehen?
Ich frage dich: „Warum solltest du schweigen?“ Ich brauche dein Schreien. Deine Panik würde mir helfen, dich zu verstehen. Wenn du es schaffst, deine Gefühle, deine Angst zu zeigen [Pause], es würde mir helfen.
Amen
Liedvorschlag:
Gotteslob: Ubi caritas (Taizé), GL 445
oder Kreuzungen: Herr, gib uns Mut zum Hören, K-Nr. 192 Str. 1,2,5,6
Überlegung:
Für mich bedeutet das „Er tat seinen Mund nicht auf und blieb stumm.“ etwas anderes. Es meint keine Stille, keine Ruhe. Es ist eher ein bewusstes Nicht-Widersprechen. Jesus wird zu Unrecht zum Tod verurteilt und wehrt sich nicht dagegen. Warum?
Es gibt Momente, in denen Menschen lieber etwas Ungerechtes ertragen, als die Schuldigen zu verpetzen. Zum Beispiel dann, wenn es um die eigene Familie oder um Freund:innen geht. Oder in Filmen, wenn sich der Held oder die Heldin gegen eine gefangene Geisel austauschen lässt. Dass Jesus schweigt bedeutet für mich, dass er lieber das Unrecht erträgt, als jemand anderem beim Leiden zusehen zu müssen. Und wenn das so ist, dann kann ich am Schweigen Jesu sehen, was ich ihm wert bin.
Hör mal in die Stille hinein. Was hörst du?
[Hier kann eine Stille gehalten werden.]
Segen:
Du Gottheit, die aushält,
segne mich mit deiner Nähe und lass mich weder im panischen Schreien noch im freudigen Lachen alleine.
Segne mich mit der Kraft mitzufühlen, damit wir uns Stück für Stück besser verstehen.
Segne mich mit Vertrauen, dass ich das Bild des Todes ertrage, und segne mich mit Hoffnung – du Gott: Vater, Sohn und Heilige Geistkraft.
Amen
